profilfoto

Anja Liedtke




geb. 1966, verheiratet, keine Kinder
freie Schriftstellerin, Dozentin für kreatives Schreiben an der VHS Bochum
2001 Autorinnenförderung des Literaturbüros NRW
1996 Bettina-von-Arnim-Preis

Veröffentlichungen
Romane:
• Reise durch amerikanische Betten. Roman. Bochum/Freiburg 2013
• Stern über Europa. Roman. Oberhausen 2012
• Grün Gelb Rot. Ein Heimatroman. Hamburg 2000

 Reiseerzählungen:
• Blumenwiesen und Minenfelder. Reiseerzählungen aus Israel. Freiburg/Bochum 2014

Sachbuch:
• So sagt man halt bei uns. Kleines jüdischdeutsches Wörterbuch.Meir Schwarz/Anja Liedtke. Bochum/Freiburg 2012
 
Wissenschaftliche Publikationen:
• Auf nach Ithaka? Nur fort aus der Gegenwart und keine Zukunft in Sicht. In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Hg.: H.L.Arnold, Bd. 44: Gottfried Benn, Göttingen 2006.
• Der Krieg im Wohnzimmer. In: Sprachreport, Hrsg.: Institut für deutsche Sprache, 3. Jg.1995, S. 8-11.
• Zur Sprache der Berichterstattung in den Kriegen am Golf und in Jugoslawien. Frankfurt am Main, Phil. Diss. 1994.
 
Beiträge in Literaturzeitschriften:
• Toiletten-Neurose. In: Dichtungsring, Nr. 44, Bonn 2014.
• Humbert, Humbert. In: Macondo. Helden. Edition 23, Hg.: Frank Schorneck, Bochum, 2010.
 
Anthologiebeiträge:
• Schabbat bei Birkenbaums. In: Die Briefe, meine, lasest Du im Schlaf. Lyrik und Prosa, Russisch und Deutsch, Hg.: Bochumer Literaten, Bochum 2011.
• Noch mal von vorn. In: Hic haec hoc. Der Lehrer hat nen Stock. Schulgeschichten aus dem Ruhrgebiet. Hg.: Joachim Wittkowsky, Bottrop 2007.
• Verliehen. In: Honey, Ubooks Erotikanthologie, Neusäß 2005.
• Sie schreiben in Bochum 2004. Bio-Bibliographische Daten, Texte und Fotos von 36 Autorinnen und Autoren. Hg.: Hugo Ernst Käufer, Volker W. Degener, Essen 2004.
• Begegnung in Beverly Hills. In: Eine unvergessliche Reise. Anthologie des Zentrums für Biographisches Schreiben. Fuchstal 2004.
• Naked Lunch. In: Mitten im Leben. Anthologie Epla/Hoyenkamp 2004.
• Strömung. In: Das komische Ding mit dem Rad. Hg.: Christof Hamann, Essen 2001.
• China through my eyes. Bettina-von-Arnim-Literaturpreis 1996.
• Shanghai sehen und sterben. In: Anthologie Schreibhauseffekte, Hg.: Agentur Bülbül, Bochum 1994.



Homepage


http://www.anja-liedtke.de



Mit dem Künstler Kontakt aufnehmen


Wenn Sie dem Künstler eine Nachricht schicken möchten, klicken Sie bitte hier: Kontaktformular


zurück



Titel

Stern über Europa


Text

Es vollzog sich zu schnell, um zu bestimmen, ob das leichte Erdbeben oder Jens Reaktion auf das Beben die Ursache darstellte. Als der Wagen auf der Schotterpiste ausbrach, versuchte er ihn zu halten. Er drehte das Lenkrad nach links und nach rechts, immer entgegen der Gleitrichtung. Doch entweder war die Piste zu schmal und die Räder fanden keinen Boden mehr, oder ein Reifen bekam einen Schlag, der das Fahrzeug aus seinem gleichmäßigen Schlingern stieß. Es gab einen Krach, danach kehrte Stille ein.
Bis sich das Summen der Moskitos durchsetzte und Hanna anfing zu schreien.

Der Aufprall in der Stille der Wildnis scheuchte alle Bewohner des Grabens auf. Die Insekten rächten sich für die Ruhestörung, indem sie in Schwärmen das Wrack überfielen und stachen, wo sie Menschen rochen. Bald waren die Moskitos schlimmer als der Kopfschmerz vom Stoß gegen das Autodach, schlimmer als die Prellung der Rippen, von der Hanna der Atem stockte. Sie schrie über die Stiche, schrie sich den Schock aus dem Leib.
Jens tat, als setze er sich mit Bedacht auf den Boden, doch Hanna entging nicht, dass ihn der Schmerz zusammensacken ließ. Sie wurde still davon. Einen Moment saß sie ratlos vor ihm: Wenn er ein Magengeschwür hat und es bricht auf, stirbt er jetzt.
Von einer Sekunde zur anderen fühlte sie unendliches Leid und zugleich eine pragmatische Gleichgültigkeit: Wir sterben alle früher oder später. Sie wollte Vernünftiges tun, holte die Thermosflasche mit kaltem Wasser aus dem Rucksack, beträufelte alles, was sie an Tüchern und Stoff fand, um Jens´ Puls an Handgelenken und Fesseln zu kühlen. Das taten Stewardessen und Mütter, wenn jemandem der Kreislauf wegsackte. Aber Bauchschmerzen? Eine Wärmflasche wäre das Richtige. Woher eine Wärm... Was konnte man stattdessen benutzen? Heiße Wickel. Schwarz zog die Sonne an. Ein dunkles Tuch erhitzte sich von allein. Sie löste seinen verkrampften Arm von der Bauchdecke, zog ihm das Shirt aus der Hose, öffnete sie, und breitete ihre schwarze Stola aus leichtem Wollstoff über den zuckenden Bauch. Der Stoff drohte herunterzurutschen, weil Jens sich zur Seite kugelte, Hanna hielt ihn fest.
Jens beruhigte sich. Wenn er nicht mehr stöhnte, summte die Natur friedvoll vor sich hin wie unter dem ersten Menschenpaar.

Wenn sich Gott auf seinen Ruhesitz zurückgezogen hatte, so war das hier, wo er schwer zu erreichen war. Hier manifestierte er sich in jedem Halm, frei schwebend über hundert Meter tiefen und Millionen Jahre alten Schluchten. Bedeutend greiser als die Alpen ist der Atlas. Nichts hindert die Sonnenstrahlen, auf das Hochplateau einzufallen. Alles lag vor Gottes Augen. Das kleinste Rascheln eines Eidechsenrückens, der sich an einem der spärlichen Strohhalme rieb, trug unendlich weit durch die klare leere Luft. Das Schaben des Eidechsenbauches über den Fels war ein Ton, wuchtig wie die Steinwand. Nichts hemmte den Schall der Stille, den Schrei eines Vogels warfen die Schluchten zurück. Keine Betonmauer schluckte die Laute. Die Größendimensionen verschoben sich. Das Kleinste wuchs riesig, wie im Fiebertraum und das Größte, die unermessliche Felswand, schrumpfte.
Jens schien ohnmächtig zu sein. Sie wartete, ob er aufwachte. Sich selbst empfand sie in einem Zustand, der dem des alten Marokkaners am Straßenrand ähneln musste. Das war unpassend ? zwar nicht an diesem Ort, jedoch in dieser Situation. Zu Beginn der Reise wäre ihr eine derartige Passivität nicht unterlaufen. War sie lang genug, war sie gar zu lange in diesem Land? Oder lag es an den extremen Ereignissen, die sie geschwächt hatten, dass sie zu klaren Unternehmungen nicht mehr fähig war und nur ihrem Verstand nachsann, wohin auch immer er entflog?
Sie fühlte sich so allein in der Landschaft, dass sie sich schon beobachtet fühlte. Die Vögel, die Eidechsen kamen heran, als gehörte Hanna zum Felsen, auf dessen äußerster Kante sie erstarrt war. Die Sonne, die Halme schienen Hanna anzusehen. Eine Ameise. Wünschte man sich, so zu sein, um diese Einsamkeit und Kleinheit in dieser Riesenwelt zu ertragen? Noch indem sie das fragte, erhob sich Hanna zum bedeutendsten aller Menschen: sie war einzig.
Eine Schlange kam unter einem Stein hervor. Sie war klein und schlank, für Hanna Signale, dass sie giftig sein konnte. Riesenschlangen würgten ihre Beute, kleine Schlangen lähmten sie. So glaubte Hanna es von jemandem gehört zu haben. Konnte sie sich darauf verlassen? Sie hob die Ferse und ließ sie fallen. Die Vibration scheuchte das Reptil unter den Stein zurück.
Es störte Hanna nicht, dass ihr schwarzes Berbergewand, bis zum Knie hochgestreift, kleine gelbe Wolken aufsteigen ließ, wenn sie darauf klopfte. Es machte ihr nichts, dass die unbedeckte Haut an Waden und Schienbein zerkratzte. Blutsbrüderschaft mit Staub und Felsen. Steinchen waren mit ihrem Blut verklebt. Die Sonne trocknete die Wunden, die Steine fielen ab. Indem das Bein über lockeren Sand und Fels schleifte, löste es eine kleine Lawine aus. Steine kollerten lange sichtbar und noch viel länger hörbar in die Tiefe. Ein endgültiges Aufschlagen hörte Hanna nicht. Aber ein Vogel flog kreischend auf, flüchtete zur gegenüberliegenden Felswand. Zwischen den Wänden lag die wüste Ebene. Hanna schätzte die Entfernung. Nah erschien der andere Berg durch seine Wuchtigkeit, doch das trog, er war weit weg. Das Tier gab auf, kehrte zurück und setzte sich neben ihr blutiges Knie. Hanna hielt still, bis der Vogel sich erneut hinabstürzte. Erst nach Metern im freien Fall spannte er die Schwingen auf und ging in den Gleitflug über. Lautlos. Hanna wollte ihm nach, ebenso lautlos. Sie rutsche vorwärts, dem Abhang zu.
Aber sie war kein Vogel, keine Ameise. Sie war schwer. Das kratzende Geräusch ihres vorrückenden Körpers hallte einmal um die Welt. Ihre Masse hatte eine Kraft, die den Fels zerstörte. Steinchen lösten sich, als ihre Finger sich festkrallten, sausten in die Tiefe. Ihre Hand blieb im Riemen des Rucksacks neben ihr hängen. Er öffnete sich und die Thermosflasche fiel heraus, den Steinen hinterher. Nichts mehr zu trinken. Da wusste sie, dass es zum äußeren Körper noch einen inneren gab. Seine Begrenztheit machte Hanna fröhlich, erdete sie endlich. Auch der Vogel dachte nur ans Fressen. Auch eine Art Sieg über die Unendlichkeit?


Man hätte sie übersehen können. Ihre Farben passten sich denen ihrer Umgebung an, ihre sandfarbenen Kleider vereinten sich mit dem Boden, aus dem sie auftauchten. Ein altes, braunes, furchiges Gesicht stand neben einem alten, braunen, furchigen Baumstamm, auf den der Hirte seine Ziegen steigen ließ. Die spärliche Nahrung bestand aus Baumfrüchten, und um sie zu erreichen, waren aus den sonst grasenden Tieren Kletterer geworden. Im Suchbild Ziegen im niederen Wipfel entdeckte Hanna ein helles, glattes Jungengesicht, das sich dem Arganbaum anpasste. Der Wechsel von Sonnenflecken und Schatten unter den Bäumen tat ein Übriges, um Formen und Konturen verschwimmen und sich auflösen zu lassen.
Die beiden Hirten standen und starrten. Es war Hanna peinlich, hier herumzuliegen wie auf einer Großexpedition in unerforschtes Gebiet und von den Einheimischen belächelt zu werden. Wie unmöglich sich diese Touristen in ungewohnter Umgebung benahmen. Sicher schüttelten die beiden die Köpfe über die Europäer, die zu schnell über die Schotterpiste gerast waren. Hanna suchte solche Gedanken in den Mienen der Männer, fand aber nichts. Für Hanna waren sie ohne Ausdruck.
Es blieb ihr keine Zeit, die Gesichter lesen zu lernen. Jens richtete sich auf, als hätte die plötzliche Anwesenheit der Menschen ihn geheilt, zumindest hatte er diesen Anfall überstanden.





zurück